XI KANT KONGRESS, XI Congresso Kantiano Internazionale

„Ein kühner Unsinn“ – Anschauung und Begriff in Schopenhauers Kant-Kritik

Matthias Kossler

Edificio: Palazzo dei Congressi
Sala: sala B
Data: 23 maggio 2010 - 14:30
Ultima modifica: 13 aprile 2010

Abstract

Schopenhauers heftige Kritik an Kants angeblicher Vermischung von Anschauung und Begriff erscheint abwegig, ist doch die Trennung der „zwei Stämme der menschlichen Erkenntnis“, Sinnlichkeit und Verstand gerade wesentlich für Kant in seiner Abgrenzung von der Leibniz-Wolffischen Tradition, während Schopenhauer selbst von „intellektualer Anschauung“ spricht. Die Kritik wird nur dann verständlich, wenn man die ganz unterschiedlichen Begriffe von Anschauung, Verstand und Vernunft berücksichtigt, die Schopenhauer Kant mehr oder weniger bewußt unterschiebt. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Konzeption eines anschauenden Verstandes, der von der Vernunft als dem Vermögen der Begriffe abgegrenzt wird. Mit dieser Konzeption eines intuitiven Verstandes, bei der sich Schopenhauer mit gewissem Recht auf die Begriffsgeschichte beruft, wird die Anschauung selbst intellektual und fällt mit der vollständigen unmittelbaren Erfahrung zusammen, während demgegenüber eine nominalistische Begriffsauffassung vertreten wird. In meinem Vortrag wird die Entwicklung von Schopenhauers Verständnis von Anschauung und Begriff, die in ständiger Auseinandersetzung mit Kant bereits in den frühesten Notizen einsetzt und bis ins Spätwerk reicht, untersucht. Vor dem Hintergrund der Kantischen Lehre wird gezeigt, daß Schopenhauers Kritik als solche unhaltbar ist, aber intuitiv eine gewichtige und philosophiegeschichtlich übergreifende Differenz in der Erkenntnislehre und in der philosophischen Methode widerspiegelt.