XI KANT KONGRESS, XI Congresso Kantiano Internazionale

War Kant ein B-Theoretiker der Zeit?

Cord Friebe

Edificio: Facoltà di Agraria
Sala: sala Wolff
Data: 24 maggio 2010 - 14:30
Ultima modifica: 13 aprile 2010

Abstract

In der analytischen Metaphysik der Zeit unterscheidet man seit McTaggart (1908) zwischen so genannten „A-Theorien“, wonach der Bezug zur Gegenwart in irgendeinem Sinne objektiv ist – also mit Kant gesagt: „empirisch real“ – und den „B-Theorien“, wonach lediglich die Relation des früher-als objektiv ist und der Bezug zur Gegenwart bloß subjektiv („transzendental ideal“). Man könnte meinen, dass Kant natürlich ein Vertreter der dynamischen A-Theorie war, also ein Präsentist, dem zufolge wirklich nur solche empirischen Objekte oder Ereignisse seien, die gegenwärtig sind. Denn klarerweise wendet sich Kant gegen eine Verräumlichung der Zeit, wenn er sagt, dass „verschiedene Zeiten […] nicht zugleich [sind], sondern nach einander“ (KrV, A 31/B 47), und dass daher die Veranschaulichung der Zeit durch eine räumlich-eindimensionale Linie durchaus irreführend sei, da die „Teile der [Linie] zugleich, die der [Zeit] aber jederzeit nach einander sind“ (KrV, A33/B 50).
Doch selbst die statischen B-Theorien, der Eternalismus, wonach Vergangenes und Zukünftiges genauso wirklich sind wie Gegenwärtiges, sind Theorien über Zeit, die Relation des früher-als unterscheidet sich wesentlich von räumlichen Relationen des oben-unten oder vorne-hinten. Solchen Theorien gemäß ist die Zeit eine eindimensionale kontinuierliche Punktmenge, deren Elemente „jederzeit nach einander“ sind – nämlich objektiv früher oder später –, so dass Kants Charakterisierung der Zeit als ein Nacheinander gegenüber den verschiedenen gegenwärtig diskutierten Zeittheorien als neutral erscheint. Folgt man einer aktuellen Kant-Interpretation, nämlich Sebastian Rödls Kategorien des Zeitlichen (2005), die versucht, Kants Lehre anschauungsbezogener Erkenntnis vor dem Hintergrund analytischer Sprachphilosophie als aktuell zu erweisen, so muss man sogar zu dem Schluss kommen, dass Kant ein B-Theoretiker der Zeit gewesen sei, eine eternalistische Zeit-Wirklichkeits-Auffassung vertreten habe.
Dagegen soll mit Bezug auf Kants Ontologie von beharrenden Substanzen und wechselnden kontradiktorischen Eigenschaften gezeigt werden, dass diese Deutung falsch ist und Kant tatsächlich ein A-Theoretiker der Zeit gewesen ist.